Notizen aus der Produktion

Prof. Dr. Andreas Syska
Faszination Produktion

May und Syska: Dialoge zur Lage

May und Syska: Dialoge zur Lage (1)

Bildung benötigt Anspruch, Herausforderungen und Meinungsvielfalt
Prof. Dr. Constantin May und Prof. Dr. Andreas Syska machen sich
Gedanken über Deutschland, sein Bildungssystem und darüber, ob
Studierende noch ausreichend auf die "VUKA-Welt" vorbereitet werden.

Beide Professoren sind sowohl mit der Hochschulwelt als auch mit
der Wirtschaft eng verbunden. Sie halten engen Kontakt zu
Unternehmen unterschiedlichster Größe und Branchen. So erfahren
sie von beiden Seiten "wo der Schuh drückt".

Weichgespülte Hochschulen?

Bildung benötigt Anspruch, Herausforderungen und Meinungsvielfalt

Prof. Dr. Constantin May und Prof. Dr. Andreas Syska machen sich Gedanken über
Deutschland, sein Bildungssystem und darüber, ob Studierende noch ausreichend
auf die "VUKA-Welt" vorbereitet werden. Beide Professoren sind sowohl mit der
Hochschulwelt als auch mit der Wirtschaft eng verbunden. Sie halten engen Kontakt
zu Unternehmen unterschiedlichster Größe und Branchen. So erfahren sie von
beiden Seiten "wo der Schuh drückt".

Prof. May und Prof. Syska lassen in diesem Dialog die Leser an ihren Erfahrungen
teilhaben und legen ihre Sichtweise dar.

Wie ist die Situation an unseren Hochschulen? Sind die Rahmenbedingungen gegeben, um den Bildungsauftrag zu erfüllen und junge Menschen optimal auf das Berufsleben vorzubereiten?

Prof. May: Beim Besuch unserer chinesischen Partnerhochschule Shandong University of Science and Technology fiel mir auf, dass die Studierenden dort sehr wissbegierig und leistungsorientiert sind. Der Wunsch, voranzukommen und erfolgreich zu sein, war dort deutlich wahrnehmbar. Das hat sicher auch mit dem Bestreben der chinesischen Politik zu tun, durch bestens ausgebildete Menschen eine wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt zu erreichen. Entsprechend hat sich das chinesische Experten-Dialog Bildungssystem Bildungssystem in den letzten 20 Jahren deutlich weiterentwickelt. Hierzulande habe ich oft den Eindruck, dass das Studium von jungen Menschen eher als lästiges Pflichtprogramm betrachtet wird. Wie sehen Sie das?

Prof. Syska: Mein Eindruck ist, dass ein Hochschulabschluss oft als Eintrittskarte gesehen wird, um irgendwo in Wirtschaft oder Verwaltung ein trockenes Plätzchen zu ergattern. Zudem ist ein System entstanden, in dem Schüler und Studenten dazu erzogen werden, Aufgaben anhand von Musterlösungen zu bearbeiten. Und das in einer Welt, die Probleme bereithält, für die es keine Musterlösungen gibt. Außerdem nimmt eine wuchernde Bildungsbürokratie an diesen Menschen sinnlose Versuche vor, anstatt für anspruchsvolle Bildungsstandards zu sorgen und diese auch durchzusetzen. In den letzten zehn Jahren sind die Studentenzahlen in Deutschland um 35 % gestiegen. Dies ist der Anteil derjenigen, die nicht studierfähig sind.

Prof. May: Ja, das Thema der Studierfähigkeit ist ein heißes Eisen. Vielleicht sind die Zugangsschwellen der Hochschulen inzwischen zu niedrig angesetzt. Oder liegt es am Ehrgeiz vieler Eltern, die ihren Nachwuchs zum Studium drängen?

Prof. Syska: Zu viele Studenten haben Schwierigkeiten, logisch zu denken, zu rechnen und zu schreiben. Diese Menschen waren mehr als zehn Jahre lang in der Schule – ich frage mich: was haben die dort den ganzen Tag gemacht? Zudem wird diese Generation von helikopternden Eltern systematisch zu Unselbstständigkeit und Risikovermeidung erzogen. So erhalten wir unkritische Menschen, die begierig nach dem Nanny-Staat rufen, der ihnen sagt, was richtig und falsch ist. Das Schulsystem, was nicht das kritische Denken fördert, sondern das Sammeln von Credits, findet seine traurige Fortsetzung an den Hochschulen.

Prof. May: Ja, das beobachte ich auch. Mit der Aufgabe des international anerkannten "Diploms" und der Einführung von Bachelor und Masterstudiengängen geht es häufig nur noch darum, die notwendige Anzahl von Credits zu sammeln. Wie konnte es soweit kommen?

Prof. Syska: Den Vorgaben der OECD hinsichtlich Akademikerquote wird bereitwillig gefolgt. Dafür opfert man die Facharbeiterausbildung und das Handwerk. Genau die Dinge, die Deutschland wirtschaftlich stark machen. Gleichzeitig träumen die Fachhochschulen davon, auf Augenhöhe mit Universitäten zu sein, übernehmen aber faktisch die Rolle der Berufsschulen.

Prof. May: Der Niedergang der Facharbeiterausbildung und des Handwerks ist ein selbstverursachtes Desaster. Frei nach der Devise "Ein Studienabschluss für jedermann" wurde unser weltweit bewundertes Duales Bildungssystem entwertet. Die Folgen davon spürt heute jeder, der einen Handwerker benötigt. Und im Studium scheint Leistung offensichtlich eine nachgeordnete Rolle zu spielen.

Prof. Syska: Stimmt! Honoriert wird die richtige Gesinnung. Orwellsches Neusprech erzeugt Richtlinien zur gendergerechten Formulierung von Forschungsberichten und Vorlesungsskripten. Was für eine Ironie: die Nachkommen der 68er, die gegen den Muff unter den Talaren demonstriert haben, sind heute die größten Dogmatiker und Denkverbotsaussprecher.

Prof. May: Was die Meinungsfreiheit angeht finde ich es sehr bedenklich, was gerade in Hamburg passiert ist, wo Vorlesungen massiv von einem schreienden Pöbel verhindert wurden. Meinungsfreiheit und der Diskurs leiden massiv oder sind überhaupt nicht mehr möglich.

Prof. Syska: Na ja, der gezielte Regelbruch gehört schon dazu – diesem muss aber eine Diskussion folgen und kein Redeverbot. Davon abgesehen – die Enkel der 68er haben das Ruder in der Hand. Ihr bevorzugtes Siedlungsgebiet ist der öffentliche Dienst. Nicht aber dort, wo dieser Dienst erbracht, also wirklich gearbeitet wird, etwa in Hörsälen oder Einwohnermeldeämtern, sondern in den Stabsabteilungen. Also in der Verwaltung der Verwaltung. Dort werden besagte Sprachregelungen und Richtlinien produziert sowie die Direktive, dass man aus Rücksichtnahme, Gleichheitsgedanken und vielem anderen mehr keine großen Anforderungen mehr an Studienanfänger stellen darf. Stattdessen erhalten Hochschulen Prämien, wenn sie möglichst viele Menschen aufnehmen und zum Abschluss führen. Die akademischen Titel werden zahlreicher und klangvoller, gleichzeitig sinkt die Substanz des Gelernten. Wir erzeugen keine Gebildeten, sondern Bestandene.

Prof. May: Ehemals deutsche Tugenden wie Disziplin und Ehrgeiz, die die Grundlage für unseren heutigen Wohlstand gelegt haben, sind kaum noch gefragt. Die Gleichmacherei des Sozialismus erfährt erschreckenden Zuspruch, die Erfahrungen mit dem Unrechtssystem der ehemaligen DDR sind Prof. Dr. Constantin May bei der Jugend nicht mehr präsent. Was könnte man tun, um Studierunfähige von den Hochschulen fernzuhalten und besonders begabte an den Hochschulen zu fördern?

Prof. Syska: Eine Maßnahme wäre, dass die Hochschulen ihre Standards selbst setzen. Zum Beispiel durch Eignungstests, in denen aus den Studienwillligen die tatsächlich Studierfähigen gefiltert werden. Denn das Abitur als Kriterium ist hierfür ungeeignet. Leicht wird dies aber nicht. Man darf damit rechnen, dass die administrierenden Leistungsverweigerer dies mit Argumenten wie Unzumutbarkeit und rechtlicher Bedenklichkeit verhindern wollen. Man hat das Gefühl, dass es da jemanden gibt, der dieses Land zersetzen will. Obwohl dieser Begriff belastet ist, wähle ich ihn bewusst.

Prof. May: Und das in einem Land, dessen einziger Rohstoff bestens ausgebildete Menschen sind! Man könnte noch auf die in Deutschland verbliebene erfolgreiche Industrie verweisen. Aber auch die findet auf politischer Seite wenig Fürsprecher und steht durch die immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen mächtig unter Druck. Ich glaube die nächsten 10 bis 15 Jahre werden sehr spannend und turbulent...

Prof. Syska: …weil sich dort entscheidet, ob die Wirtschaft dieses Landes eine Zukunft haben wird. Liebe Leserinnen und Leser, was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns! Wir freuen uns über Feedback und einen regen Austausch.

Quelle: YOKOTEN

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