Notizen aus der Produktion

Prof. Dr. Andreas Syska
Faszination Produktion

Industrie 4.0 arbeitet hierzulande an den falschen Themen. Es findet eine fabrikfixierte
Nabelschau statt, mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung der
Produktionprozesse.

Vielleicht fragen Sie sich seit einiger Zeit besorgt, ob Industrie 4.0 vielleicht doch nur so etwas wie ein Hype ist. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle aus tiefster Überzeugung folgendes sagen: Natürlich ist es das! Was soll es denn sonst sein?

Wenn die Erwartungen in höchste Höhen geschraubt werden, dann nennt man dies einen Hype.
Wenn die mediale Aufmerksamkeit kein anderes Thema mehr zu kennen scheint, dann nennt man dies einen Hype.
Wenn Trittbrettfahrer erscheinen und alten Wein in neuen Industrie 4.0-Schläuchen anbieten, dann nennt man dies – Sie ahnen es - einen Hype.

Nun ist ein Hype an sich nichts Schlimmes. Man muss halt nur wissen, was passiert. Dann kann man sich auch darauf einstellen.

Betrachtet man das Wort „Hype“ entsprechend seiner Bedeutung im deutschsprachigen Raum, gibt uns der Duden folgende Erläuterung: Ein Hype sei eine „besonders spektakuläre, mitreißende Werbung – die eine euphorische Begeisterung für ein Produkt bewirkt.“

Es scheint leicht nachzuvollziehen, dass euphorische Begeisterung in diesem Zusammenhang ein wohl temporäres Phänomen darstellt. Ebenso wie sie gekommen ist, vergeht sie wieder, oder kann neu aufflammen. Eng an sie geknüpft sind Erwartungshaltungen.

Ein jeder von uns kennt beide Elemente getrennt, wie auch in ihrem Zusammenspiel. Täglich werden wir – auch abseits von Industrie 4.0 – mit sogenannten Hypes konfrontiert. Lassen Sie uns die typischen Charakteristika eines Solchen vergegenwärtigen.

Hilfreich für das Verständnis dabei ist, einen Hype nicht als etwas Nebulöses, wenig Greifbares zu betrachten, sondern ihn in Phasen zu unterteilen. So geschehen durch die Erfinderin des sogenannten Hype-Cycle, Jackie Fenn, welche bereits vor über zwanzig Jahren Muster erkannte und den Begriff „Hype“ damit deutlich plastischer machte. Im Jahr 1995 überführte Frau Fenn ihre Beobachtungen in ein zweidimensionales Modell.

Die Innovation hat ein Muster
Frau Fenn, ist heute Vice President bei Gartner, einem US-amerikanischen Anbieter für Marktforschungsergebnisse und Analysen. Aufkommende Technologien, so erkannte sie, verhalten sich regelmäßig nach einem gleichen Muster.

Alles beginnt mit einem technologischen Auslöser (Innovation Trigger). Beispielhaft zeigt ein Durchbruch in der Nanotechnologie deutliche Fortschritte bei der Oberflächenbeschichtung auf. Das Fachpublikum ist interessiert und erste Trittbrettfahrer überlegen sich, wie sie das Thema nutzen können.

Es beginnt die Reise zum Gipfel der überzogenen Erwartungen (Peak of inflated expectations). Unerfahren im Umgang mit der neuartigen Technologie – ihren Fähigkeiten sowie ihren Grenzen – wird diese im verbalen Wettrüsten mit überzogenen Erwartungen aufgeladen.

Was nun folgt, ist der Fall hinab, in das Tal der Enttäuschungen (Trough of disillusionment). Erste Erfahrungsberichte und Resultate zeigen, dass man den Bogen überspannt hat. Ernüchterung stellt sich ein, die mediale Aufmerksamkeit lässt spürbar nach.

Erholung erfährt die Technologie auf dem Pfad der Erleuchtung (Slope of enlightment). An dieser Stelle haben die Beteiligten nach dem Flug in schwindelerregenden Höhen nunmehr wieder Bodenkontakt. Man betrachtet die Chancen und Potenziale der neuen Errungenschaft realistischer, und spricht offen über Grenzen.

Auf diese Weise vorbereitet und im letzten Schritt unseres Hype-Cycle arbeitet sich die Technologie auf das Plateau der Produktivität (Plateau of productivity) hinauf.

Wenn man um dieses zyklische Verhalten eines Hypes weiß, ergibt sich die Möglichkeit, eine in uns eingebaute Filterlogik bewusst zu umgehen. Vermeiden sollten wir dabei, die Aufmerksamkeit lediglich auf solche Dinge zu richten, welche sich zum Gipfel der überzogenen Erwartungen aufmachen, oder aber das Plateau der Produktivität erreicht haben.

In einer Welt des Information Overflow stellt dies normalerweise einen effektiven Schutzmechanismus unseres limitierten Denkvermögens dar. Wie durch eine Lesebrille betrachten wir lediglich den Teil der Realität der zumeist unmittelbar vor uns liegt. Das maßgebliche Problem ist jedoch, dass es aus unternehmerischer Sicht zur Kunst gehören muss, durch eine Gleitsichtbrille zu schauen. Diese stellt nicht nur Nahes, sondern auch Fernes scharf und ermöglicht das unternehmerische Handeln entsprechend aller Facetten des Hype-Cycle auszurichten.

Woran Sie erkennen, dass ein Unternehmer den Brillenwechsel nicht beherrscht? Es sind genau die Unternehmen, welche entweder zu früh – oder schlichtweg zu spät – auf technologische Hypes reagieren und hier viel Lehrgeld zahlen.

Wäre es nicht gut, sich sowohl den Gipfel der überzogenen Erwartungen, als auch das Tal der Enttäuschung zu ersparen? Quasi eine Abkürzung zu bauen und direkt auf das Plateau der Produktivität zu kommen? Noch wäre die Gelegenheit dazu gut. Dazu müssen wir uns aber unvoreingenommen und ideologiefrei anschauen, wo Industrie 4.0 danebenliegt. Dies wird nicht einfach zu ertragen sein und ist für manch einen Fan von Industrie 4.0 so eine Art Wurzelbehandlung – es muss aber sein.

Die Protagonisten von Industrie 4.0 betonen unermüdlich, dass bei Industrie 4.0 der Mensch im Mittelpunkt steht, weil man ahnt, dass dies gerne gehört wird. Dass der Mensch von Industrie 4.0 profitieren würde hat aber den Charakter einer hastig verabreichten Pille, die nicht nur das besorgte Publikum, sondern vermutlich auch die Protagonisten selber beruhigen soll.

Die Protagonisten von Industrie 4.0 betonen unermüdlich, dass bei Industrie 4.0 der Mensch im Mittelpunkt steht, weil man ahnt, dass dies gerne gehört wird. Dass der Mensch von Industrie 4.0 profitieren würde hat aber den Charakter einer hastig verabreichten Pille, die nicht nur das besorgte Publikum, sondern vermutlich auch die Protagonisten selber beruhigen soll.

Der Mensch als etwas Defizitäres?
Im Kern wird der Mensch nämlich als etwas Defizitäres erkannt, das an Industrie 4.0 anzupassen ist. Die Diskussion um die Rolle des Mitarbeiters wird also im Wesentlichen auf das Thema „Qualifikationsbedarf“ reduziert. Die Protagonisten von Industrie 4.0 sagen uns, wie der Mitarbeiter arbeiten wird - beschäftigen sich aber nicht mit der Frage, wie er eigentlich arbeiten will und wieso das alles gut für ihn sein soll.

Außerdem wird Bewährtes zerstört. Die Produzenten hierzulande haben in den letzten beiden Jahrzehnten im Zuge von Lean Production unglaublich große Fortschritte gemacht, die Kreativität und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter, die unmittelbar im Produktionsprozess beschäftigt sind zu aktivieren. Eine wichtige Konsequenz von Lean Production war dabei die Überwindung der bis dahin vorherrschenden Trennung von Denkenden und Ausführenden, wie sie von Ford vorgegeben war. Kein hiesiger Produzent, der diesen Weg gegangen ist, käme im Traum auf die Idee, das Rad zurückzudrehen.

Wohl aber die Protagonisten von Industrie 4.0. Sie unterteilen die Welt wieder in Denkende und Ausführende. Da waren wir schon mal weiter. Denn Mitarbeiter werden nicht eingeladen, an der Gestaltung des Systems „Industrie 4.0“ mitzuwirken. Dies bleibt einer kleinen Gruppe selbsternannter Experten vorbehalten. Und das ist ein beherzter Schritt in die Vergangenheit.

Dabei war doch alles so gut gemeint.

Die Rolle des Reagierenden
Industrie 4.0 soll die Transparenz des Produktionsgeschehens verbessern und entscheidungsrelevante Informationen schneller zur Verfügung stellen. Davon soll der Facharbeiter profitieren: Er bekommt in Echtzeit die für ihn notwendigen Informationen und nutzt sie im Rahmen seiner Rolle. Seine Position wird gestärkt. Er ist der Dirigent der Wertschöpfungskette.

Oder etwa nicht? Nein, denn im Ergebnis sieht man bislang die Mitarbeiter nur in der Rolle des Reagierenden. Überwachung wird gleichgesetzt mit „Reagieren auf die Schwesternklingel“.
Dem Mitarbeiter wird nämlich die Aufgabe zugewiesen, im Ausnahmefall – wie bei einer Prozessstörung – einzugreifen. Und dabei sollen ihm die selbstlernenden Systeme mitteilen können, welche Schritte zur Störungsbehebung notwendig sind. Das System meldet also nicht nur seinen Zustand, sondern zeigt auch, was zu tun ist. Damit wird der Mitarbeiter zum Ausführenden von Maschinenbefehlen. Problemlösungskompetenz wird nicht mehr gefragt sein.

Den Mitarbeiter in der Produktion wird es weiterhin geben – nur muss er sich daran gewöhnen, auf optische und akustische Signale von technischen Systemen zu reagieren und vorbestimmte Handlungsmuster auszuführen. Das kann ja im Sinne des Produktionsprozesses durchaus richtig sein. Nur sollte man nicht davon sprechen, dass die Rolle des Mitarbeiters durch Industrie 4.0 aufgewertet würde.

Wenn darüber hinaus die Vorhersagen eintreffen, wonach sich das Material seinen Weg eigenständig durch die Produktion bahnt, dispositive Entscheidungen trifft und Ressourcen anfordert, so wird der Mitarbeiter endgültig zum Objekt. Er muss sich an die Vorstellung gewöhnen, dass das Werkstück bestimmt, was er wann und wo zu tun hat. Die Aufgaben des Vorgesetzten übernimmt dann das Material, das bearbeitet werden möchte. Ein seltsames Verständnis von Dirigententum.

Aber vielleicht sind ja mit der Bezeichnung „Dirigent“ ganz andere Menschen gemeint. Nicht die Mitarbeiter auf dem Shop-Floor, sondern die Ingenieure. Hier hat Industrie 4.0 in der Tat viele Freunde, geht es schließlich doch um ein echtes Technikthema, bei dem der Ingenieur endlich wieder Ingenieur sein darf. Maschinenelemente, Hardware und Software werden miteinander verbunden; der große technische Wurf wird gemacht.

Wie unendlich groß muss da die Erleichterung bei denen sein, die sich mit Shop-Floor Management, Kaizen und Kata und den ganzen „Räucherstäbchenrunden“ nie haben anfreunden wollen. Begeistert sind auch all diejenigen, die Betriebsführung mit der Gestaltung von technischen Systemen verwechseln und lieber mit Technik als mit Menschen zu tun haben. An dieser Stelle sind viele Maschinenbau- und Softwareingenieure Brüder im Geiste und erfreuen sich gemeinsam an den technischen Möglichkeiten.

Auf den Punkt gebracht: Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsschwachen die langersehnte Flucht vor ihren eigenen Mitarbeitern.

Und genau jene sind gemeint, wenn von Dirigenten der Wertschöpfungskette die Rede ist. Denn sie sind ja schließlich die Schöpfer und Meister dieses Systems. Doch deren Freude ist verfrüht: da diese Systeme ja selbstlernend angelegt sind, werden sie sich bald selber konfigurieren können. Die Dirigenten können nach Hause gehen, weil die Orchester sie nicht mehr brauchen. Diese Menschen arbeiten mit Hochdruck und Begeisterung an genau den Systemen, die sie selber eines Tages überflüssig machen – und niemanden scheint es zu stören.

Dabei hätte man mit der hinter Industrie 4.0 stehenden Technologie die historische Chance, dafür zu sorgen, dass der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte der Industrie nicht mehr disponibler Produktionsfaktor – auf einer Stufe mit Material und Maschinen – und Mittel zum Zweck ist, sondern dass die Fabrik erstmals nach seinen Bedürfnissen gestaltet wird und dass Produktion und Wertschöpfung auch ein Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung ist.

Das wäre ein echter Beleg dafür, dass hier wirklich Revolutionäres geschieht. Tut es aber nicht – und deswegen hört man hier auch nichts Entsprechendes.

Industrie 4.0 wird in dieser Form unter anderem auch deswegen scheitern, weil sie am Menschen vorbeientwickelt wird und ihm die Rolle des passiv Ausführenden zuweist, statt ihn – wie heute üblich – an der Gestaltung der Arbeitsprozesse zu beteiligen.

Professor Dr. Andreas Syska von der Hochschule Niederrhein stellt die These auf, dass Industrie 4.0 so, wie sie momentan gedacht und umgesetzt wird, nicht funktioniert. Unsere Kollegen von „Industry of Things“ haben mit ihm über darüber gesprochen.

Sie sprechen in Ihrem Expertenbeitrag von „Deutschlands naivem Traum von der deutschen Fabrik“ – Was ist Ihrer Meinung nach naiv an der deutschen Herangehensweise?

Es ist naiv zu glauben, man könne ein komplexes, chaotisches und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuern. Das hat noch nie funktioniert und wird auch dieses Mal nicht funktionieren, so ausgeklügelt diese Algorithmen auch sein mögen.

Es ist naiv zu glauben, dass der einzige Sinn der Vernetzung digitaler Objekte die Performance-Steigerung in den Fabriken ist. Was für ein mächtiges Instrument hat man mit dem Internet der Dinge in den Händen und wie kleinmustrig gedacht sind viele Anwendungsbeispiele.

Einigkeit herrscht darin, dass Industrie 4.0 die Wertschöpfung grundlegend verändert – schließlich spricht man ja auch von einer Revolution. Ist es da nicht naiv, zu glauben, alles um einen herum würde sich verändern, nur das eigene Geschäftsmodell nicht, wie sich das die meisten Fabrikausrüster derzeit vormachen?

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die Umsetzung von „Industrie 4.0“ gelingt?

Man darf das Thema nicht nur den Produktionsingenieuren überlassen - wir müssen es vom Markt und von der Gesellschaft her angehen. An der Stelle wird sichtbar, wie hinderlich die Bezeichnung „Industrie 4.0“ eigentlich ist, denn sie limitiert das Denken auf die Themen Fabrik und Produktivität.

Der eigentliche Sinn der webbasierten Vernetzung besteht in datenbasierten Geschäftsmodellen, ihre Potenziale liegen außerhalb der Fabriken. Diese Potenziale findet man aber nicht, wenn der Denkhorizont nur bis ans eigene Werkstor reicht.
Wo sehen Sie die größten Unterschiede im Vergleich zum Beispiel mit der Konkurrenz aus den USA?

Die Deutschen tüfteln hingebungsvoll an Schnittstellen und verlieren sich in technischen Details, die Amerikaner entwerfen Geschäftsmodelle. Die Deutschen fragen sich: „Wie bringe ich das technisch ans Laufen?“ Die Amerikaner fragen sich: „Wie kann ich damit Geld verdienen?“

Die Rollenverteilung ist klar. Die Amerikaner stecken die digitalen Claims ab und schaffen neue Märkte, während sich die Deutschen widerstandslos den Platz in der zweiten Reihe haben zuweisen lassen – als austauschbare Hardwarelieferanten von Internetunternehmen. Dabei haben unsere Fabrikausrüster, die Industrie 4.0 lediglich als Konjunkturprogramm begreifen und sich angesichts erwarteter Umsatzzuwächse derzeit freudig die Hände reiben, nicht verstanden, dass es genau diese Entwicklung ist, die sie selber hinwegfegen wird, wenn sie nicht gegensteuern.

"Meine größte Sorge: dass die Fabrik der Zukunft mit der Digitalisierung des Alten gleichgesetzt wird."
In seiner aktuellen Veröffentlichung "Illusion 4.0 - Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik" stellt Professor Dr. Andreas Syska die These auf, dass Industrie 4.0 so wie es momentan gedacht und umgesetzt wird, nicht funktioniert. Unsere Kollegen von Industry of Things haben mit ihm über diese Thesen gesprochen.

Lieber Herr Syska, Sie sprechen in Ihrem Expertenbeitrag von „Deutschlands naivem Traum von der deutschen Fabrik“ – Was ist Ihrer Meinung nach naiv an der deutschen Herangehensweise?

Es ist naiv zu glauben, man könne ein komplexes, chaotisches und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuern. Das hat noch nie funktioniert und wird auch dieses Mal nicht funktionieren, so ausgeklügelt diese Algorithmen auch sein mögen.

Es ist naiv zu glauben, dass der einzige Sinn der Vernetzung digitaler Objekte die Performancesteigerung in den Fabriken ist. Was für ein mächtiges Instrument hat man mit dem Internet der Dinge in den Händen und wie kleinmustrig gedacht sind viele Anwendungsbeispiele.

Einigkeit herrscht darin, dass Industrie 4.0 die Wertschöpfung grundlegend verändert – schließlich spricht man ja auch von einer Revolution. Ist es da nicht naiv, zu glauben, alles um einen herum würde sich verändern, nur das eigene Geschäftsmodell nicht, wie sich das die meisten Fabrikausrüster derzeit vormachen?

Industrie 4.0 wird mit der aktuellen Herangehensweise nicht funktionieren - schlimmer noch: Potentiale werden nicht erkannt und liegen gelassen - dieser Überzeugung ist Prof. Dr. Andreas Syska.
Industrie 4.0 wird mit der aktuellen Herangehensweise nicht funktionieren - schlimmer noch: Potentiale werden nicht erkannt und liegen gelassen - dieser Überzeugung ist Prof. Dr. Andreas Syska. (Bild: Syska)
Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die Umsetzung von „Industrie 4.0“ gelingt?

Man darf das Thema nicht nur den Produktionsingenieuren überlassen - wir müssen es vom Markt und von der Gesellschaft her angehen. An der Stelle wird sichtbar, wie hinderlich die Bezeichnung „Industrie 4.0“ eigentlich ist, denn sie limitiert das Denken auf die Themen Fabrik und Produktivität.

Der eigentliche Sinn der webbasierten Vernetzung besteht in datenbasierten Geschäftsmodellen, ihre Potenziale liegen außerhalb der Fabriken. Diese Potenziale findet man aber nicht, wenn der Denkhorizont nur bis ans eigene Werkstor reicht.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede im Vergleich zum Beispiel mit der Konkurrenz aus den USA?

Die Deutschen tüfteln hingebungsvoll an Schnittstellen und verlieren sich in technischen Details, die Amerikaner entwerfen Geschäftsmodelle. Die Deutschen fragen sich: „Wie bringe ich das technisch ans Laufen?“ Die Amerikaner fragen sich: „Wie kann ich damit Geld verdienen?“ Die Rollenverteilung ist klar. Die Amerikaner stecken die digitalen Claims ab und schaffen neue Märkte, während sich die Deutschen widerstandslos den Platz in der zweiten Reihe haben zuweisen lassen – als austauschbare Hardwarelieferanten von Internetunternehmen. Dabei haben unsere Fabrikausrüster, die Industrie 4.0 lediglich als Konjunkturprogramm begreifen und sich angesichts erwarteter Umsatzzuwächse derzeit freudig die Hände reiben, nicht verstanden, dass es genau diese Entwicklung ist, die sie selber hinwegfegen wird, wenn sie nicht gegensteuern.

Einst gestartet als Initiative für den produzierenden Mittelstand wird Industrie 4.0 derzeit vornehmlich von Fabrikausrüstern und der Forschung getrieben. Kein Wunder, denn sie profitieren hiervon als erste. Sie beglückwünschen sich gegenseitig für technische Lösungen, die aber oftmals gar nicht so innovativ sind, wie behauptet. Wer also ein reiches Angebot an altem Wein in neuen Schläuchen sehen will, der möge sich hier etwas umschauen. Unhaltbare Heilsversprechen, zahlreiche Trittbrettfahrer und eine enorme mediale Aufmerksamkeit - Industrie 4.0 erfüllt alle Kriterien für einen Hype. Zudem basiert Industrie 4.0 auf dem Denkfehler, dass ein nicht lineares und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuerbar ist. Das hat noch nie funktioniert und dies wird auch dieses Mal so sein.

Das Narrenschiff ist auf dem Weg - ohne Ziel und ohne Kompass. Und alle wollen mit. Alle? Nein, denn ausgerechnet diejenigen, um die es eigentlich geht wollen partout nicht mit an Bord. So erklärt eine wachsende Zahl mittelständischer Produzenten offen, dass sie sich an Industrie 4.0 nicht beteiligen will. Das liegt aber nicht an deren vermeintlicher Schläfrigkeit, wie von den Treibern von Industrie 4.0 gerne kolportiert wird, sondern an der mangelnden Qualität des Angebotenen.

Das ist auch das Ergebnis einer desaströsen Kommunikation. Denn wie bei jeder großen Veränderung braucht auch Industrie 4.0 eine Vision und eine Antwort auf die Frage nach dem "Warum". Auf beides warten wir seit fünf Jahren vergebens. Stattdessen hören wir die pauschale Aussage, dass dies nun einmal die nicht aufzuhaltende Zukunft sei. Man fügt noch eine Prise Angst hinzu und behauptet, dass derjenige unweigerlich ins Hintertreffen gerät, wer hier nicht mitmacht.

Der eigentliche Sinn der webbasierten Vernetzung besteht aber in datenbasierten Geschäftsmodellen, ihre Potenziale liegen außerhalb der Fabriken. Diese Potenziale findet man aber nicht, wenn der Denkhorizont nur bis ans eigene Werkstor reicht. Industrie 4.0 zielt hierzulande einseitig auf Performance der Produktion und kommt gedanklich nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik hinaus.

Stattdessen betreibt man ebenso lustvoll wie selbstverliebt Nabelschau und löst mit Hingabe technische Probleme, vornehmlich die der Datenschnittstellen. Die Show hat auch einen Namen: Deutschland sucht den Super-Standard. Die Überlegung dahinter lautet, dass erst die Existenz eines technisch überzeugenden Informationsstandards spannende Anwendungen möglich macht. Umgekehrt ist es aber richtig: spannende Anwendungen bestimmen, welcher Standard sich durchsetzen wird.

Und genau das haben die Amerikaner erkannt. So tüfteln die Deutschen an Schnittstellen, während die Amerikaner Geschäftsmodelle entwerfen. Die Deutschen fragen sich, wie das funktioniert - die Amerikaner fragen sich, welches Geld man damit verdienen kann. Die Rollenverteilung ist klar. Die Amerikaner stecken die digitalen Claims ab und schaffen neue Märkte, während sich die Deutschen widerstandslos den Platz in der zweiten Reihe haben zuweisen lassen - als austauschbare Hardwarelieferanten von Internet-Unternehmen. Und unsere Fabrikausrüster, die Industrie 4.0 lediglich als Konjunkturprogramm begreifen und sich angesichts erwarteter Umsatzzuwächse derzeit freudig die Hände reiben, haben nicht verstanden, dass es genau diese Entwicklung ist, die sie selber hinwegfegen wird.

Industrie 4.0 darf nicht länger dogmatisch daherkommen und ist auch kein Selbstzweck. Einigkeit besteht darüber, dass die Vernetzung des Digitalen die Welt verändern wird. Deshalb hat Industrie 4.0 endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom Markt her zu denken. Dies muss sich in neuen Geschäftsmodellen abbilden und bedarf der Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben. Industrie 4.0 hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn sie sich die Frage stellt, wie wir zukünftig wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse zieht.

Die Protagonisten von Industrie 4.0 betonen unermüdlich, dass bei Industrie 4.0 der Mensch im Mittelpunkt steht, weil man ahnt, dass dies gerne gehört wird. Dass der Mensch von Industrie 4.0 profitieren würde hat aber den Charakter einer hastig verabreichten Pille, die nicht nur das besorgte Publikum, sondern vermutlich auch die Protagonisten selber beruhigen soll.

Industrie 4.0 - die Idee der webbasiert vernetzten Fabrik - feiert in diesen Tagen ihren fünften Geburtstag. Das wird sicherlich Anlass für die Treiber von Industrie 4.0 sein, sich einmal mehr gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Völlig zu Unrecht, denn wir müssen auf fünf verlorene Jahre zurückblicken. Dabei ist nicht die technische Umsetzung der Vernetzung das Problem, sondern der Mangel an Mut und Phantasie unserer Industrie. 

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