Notizen aus der Produktion

Prof. Dr. Andreas Syska
Faszination Produktion

Blog: Faszination-Produktion

Blog: Faszination-Produktion (24)

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Humboldt 2.0 - warum wir ein neues Bildungssystem brauchen
Was läuft verkehrt im Bildungssystem?

Die Kritik am Ausbildungssystem ist berechtigt: Schüler, Auszubildende und Studenten würden nicht für auf die Zukunft vorbereitet, sondern immer noch auf eine Wirtschaft, die es bald nicht mehr geben wird. Das Problem: Die Wirtschaft von morgen kennt keiner. Und was man nicht kennt, kann auch nicht gelehrt werden.

Derzeit richten wir Menschen zu Bedienern von Digital-Maschinen ab. Wir nennen es Bildung und verschmutzen somit diesen Begriff. In Bildung und Wirtschaft werden Menschen dazu erzogen, Aufgaben anhand von Musterlösungen zu bearbeiten. Und das in einer Welt, für deren Probleme es kaum noch Musterlösungen gibt. So dringt aus vielen lernenden Köpfen der Ruf nach eben diesen Musterlösungen, wie nach einer Droge. Das wird der Realität nicht gerecht und ist für die Talentierten unter den Lernenden mehr als erdrückend.

Wir sind es ja selbst schuld. Wir konditionieren Menschen, in Systemen zu funktionieren, statt sie zu befähigen, diese Systeme zu hinterfragen oder gar zu gestalten. Es ist beängstigend: gibt man ihnen eine Aufgabe, dann fragen sie stets: „Wie soll ich es machen?“. Wie gerne würde ich einmal hören: „Warum soll ich dies machen?“ oder gar „Ist dies gut für die Menschen?“.

Solche gut funktionierenden Leute sind für den Moment natürlich sehr bequem, langfristig aber schädlich. Sie werden immer auf Anweisungen warten, statt die Zukunft mitzugestalten. Diese dringend benötigte Fähigkeit zur Gestaltung braucht aber eine innere Haltung. Wilhelm von Humboldt hat vor über 200 Jahren ein Bildungsideal formuliert, das aktueller nicht sein könnte. Er schrieb sinngemäß: Es gibt schlechterdings eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist nur dann ein guter Handwerker oder Geschäftsmann, wenn er an sich ein guter, anständiger und aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierfür erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher recht leicht und behält immer die Freiheit, wie es im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.

Von einem zum anderen überzugehen: die derzeit an die Menschen gerichtete Forderung, sich verändern zu können, kann also nur durch die Entwicklung ihrer Persönlichkeiten erreicht werden, nicht aber durch Druckbetankung mit Wissensupdates. Bevor wir also das Codieren von digitalen Werkzeugen und den Umgang mit ihnen lehren, sollten Philosophie, Ethik, kritisches Denkvermögen, Kreativität Fairness, Anstand und Respekt auf dem Stundenplan gestanden haben. Die Zukunft kommt nämlich nicht einfach auf uns zu. Sie ist Ergebnis unserer Taten. Unsere Taten sind das Ergebnis unserer Pläne. Und unsere Pläne sind das Ergebnis unserer Visionen und unserer inneren Haltung.

Lieber Leser, es war mir eine große Freude, für Sie zu schreiben. Ich verabschiede von Ihnen mich mit einem weiteren sinngemäßen Zitat von Wilhelm von Humboldt:

Was verlangt man von einem Zeitalter und dem dort wirkenden Menschengeschlecht, wenn man ihm seine Achtung und seine Bewunderung schenken soll? Man verlangt, dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet sind, wie irgend möglich. Bemühen wir uns um das innere Wesen des Menschen, so wird dieses beständig und von sich aus zu den Gegenständen außerhalb übergehen. Und so wird stets das erhellende Licht und die wohltätige Wärme seiner Werke in sein Inneres zurückstrahlen.

Quelle: factorynet.at
Wer codiert eigentlich die Codierer?

Schon mal gefragt, warum das Assistenzsystem Alexa weiblich ist und eine KI präventiv dunkelhäutige Menschen als Verbrecher vorverurteilt? Wenn eine KI das Denken von Menschen ergänzt, will der Code dahinter mit Bedacht gewählt sein.

„Warum ist Alexa eigentlich weiblich?“ „Nun, Alexa ist eine Assistentin - und ist es nicht die natürliche Bestimmung von Frauen, anderen zu dienen?“ „Und warum werden bei der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung vorzugsweise dunkelhäutige Menschen verhaftet?“ „Nun, weil dies in der Vergangenheit auch so war, und dies ja auch seinen Grund haben muss.“

Dies ist sexistisch und rassistisch, also nicht meine Meinung. Aber Sie ahnen es längst: es geht um Künstliche Intelligenz (KI), also um die Nachbildung von Entscheidungsabläufen des Menschen im Computer, damit dieser eigenständig Probleme für eben diese Menschen lösen kann. Mit anderen Worten. Das Denken soll outgesourct werden.

So weit, so technisch.

Die Technik ist aber nicht das Problem. Denn es bleibt ja nicht bei weiblichen Servicebots und irrtümlich Verhafteten. So werden ausgeschriebene Stellen nur mit Männern besetzt und Patienten ärztliche Behandlungen vorenthalten - weil der Algorithmus es so will. Dieser wiederum erhält Bestätigung - Patient ist gestorben, es war also richtig, ihn nicht mehr zu behandeln - und verfestigt sich damit.

Böser, böser Algorithmus.

Aber Moment mal, wer hat diesen eigentlich codiert? Es stimmt: KI kann uns helfen, kluge Entscheidungen zu treffen - und das verdammt schnell. Wenn wir allerdings unsere Vorurteile in Algorithmen gießen, wird es furchtbar. Ein KI-System neigt ja nicht nur zur Verfestigung seiner Urteile, sondern kann diese an andere KI-Systeme weiterreichen - und die in Algorithmen ablegten Werthaltungen gleich mit. Das bedeutet, dass zukünftige KI-Systeme bereits heute ihre Prägung erhalten.

KI: Heilsbringer oder Doomsday Machine?

Wenn wir diesen Systemen nicht bereits heute den richtigen moralischen Kompass mitgeben, werden wir in Zukunft sehr große Probleme bekommen. Wir könnten unsere Vorurteile und die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in alle Ewigkeit zementieren. Wobei ich nicht ausschließen kann, dass einige genau dies so wollen. Halten wir also dagegen und schauen wir ihnen auf die Finger. Machen wir ihnen klar, in was für einer Welt wir morgen leben wollen, denn die Weichen hierfür werden heute gestellt. Und mit „ihnen“ meine ich nicht nur die Codierer, sondern diejenigen, die Codierung beauftragen.

Wer codiert eigentlich die Codierer?

Aber genau da liegt unsere Chance. Wir können in KI bereits heute einpflanzen, wie morgen unsere Welt sein soll. Von dieser Seite der KI hört man hierzu noch wenig. Stattdessen werden Menschen in Coding Schools geschubst, um dort ihre Digitalführerscheine zu machen. Klar, die selbsternannten Treiber des digitalen Wandels brauchen ja auch Menschen im Maschinenraum, die diese Systeme betreiben. Ob dieser Betrieb aber dem Menschen nützt, entscheidet … ja, wer eigentlich?

Garniert wird dies mit dem Mantra, dass der digitale Wandel und dann gelingt, wenn alle codieren können. Das ist Unfug. Oder ist der Wandel zur Industriegesellschaft nur deshalb gelungen, weil jeder eine Werkzeugmacherlehre gemacht hat? Nein, der digitale Wandel gelingt nur dann, wenn er den Nutzen der Gesellschaft mehrt, anstatt dem Profitdenken auf Kosten der Menschen zu folgen und deren Überwachung zu beabsichtigen. Ja, die technischen Fähigkeiten sind schon wichtig, entscheidend sind sie aber nicht. Entscheidend ist der moralische Kompass, der die Richtung dieses Wandels bestimmt. Bevor wir über Coding reden, sollte es die längst überfällige Debatte über Fairness, Anstand und gegenseitigem Respekt geben.

Quelle: factorynet.at
Unternehmen, wollt Ihr ewig leben?

Warum können Unternehmen nicht einfach in Würde sterben, wenn ihre Zeit gekommen ist? Und die kommt früher, als gedacht. Denn spätestens mit dem ersten Folgeprodukt nach Gründung ist das Unternehmen nicht mehr für den Kunden da, sondern der Kunde ist da, um die einmal aufgebaute Infrastruktur zu finanzieren.

Das Geld ist verdient - die Kunden sind glücklich. Warum hört also das Unternehmen nicht einfach auf? Stattdessen gibt es lebensverlängernde Maßnahmen in Form von Pseudoprodukten und -dienstleistungen auf dem Rücken der Kunden. Müdes Facelifting wird als Innovation verkauft. Das Unternehmen wird künstlich beatmet und muss dabei auch noch wachsen. Natürlich nicht absolut, sondern prozentual, also exponentiell. Vernünftig ist das nicht.

Wir könnten auch anders

Früher nannte man Unternehmen Unternehmungen. Und dies trifft es besser. Denn eine Unternehmung ist ein Projekt, hat also einen Beginn und ein Ende. Machen wir deshalb aus dem Unternehmen eine zeitlich begrenzte Unternehmung, dessen Lebenszyklus dem Produktlebenszyklus folgt. Dabei findet die Wertschöpfung in temporären Netzwerken statt, die sich mittels digitaler Plattformen immer wieder neu konfigurieren. Nach Abschluss einer Unternehmung wird das zugehörige Wertschöpfungsnetzwerk gelöst. Die beteiligten Menschen und das Kapital suchen sich neue Netzwerke.

Die hierfür benötigte Infrastruktur wird nicht mehr besessen, sondern man hat hierauf Zugriff. Und wenn tatsächlich mal eine Betriebsstätte benötigt wird, dann wird sie per 3D-Druck erzeugt und nach Beendigung der Unternehmung zurückgebaut und die Materialien dem Stoffkreislauf zugeführt. Der Wert der Unternehmung bemisst sich nicht anhand von Assets, sondern an Vernetzungs- und Beziehungsqualität. Die technischen Möglichkeiten sind hier weiter, als unsere Vorstellungskraft und unser Mut.

Flüchtige Netzwerke, statt fester Strukturen?

Und was wird denn dann aus den Menschen? Nun, sie kommen endlich aus der Jobfalle. Wie ist es denn heute? Das Hochgefühl der Sicherheit einer Festanstellung weicht der Ernüchterung, sobald der Blick auf den Teil des Arbeitsvertrags fällt, der sich mit Kündigungsfrist und Abfertigung befasst. Schlimmer noch: die gesamte wirtschaftliche Existenz des Menschen hängt oft vom Wohlwollen einer einzigen Person ab, des Vorgesetzten. Arbeit wird häufig nicht freudig verrichtet, sondern stumm erlitten. Das Gefühl der Freiheit stellt sich erst nach Feierabend ein, die Jahre bis zum Ruhestand werden gezählt. Und was bitteschön soll daran gut sein?

Joboptionen

Statt einer einzigen Festanstellung – bei der man auch richtig danebengreifen kann – gibt es in temporären Netzwerken täglich neue Chancen – ich nenne sie: Joboptionen. Alle sind frei, denn Arbeitgeber und Arbeitnehmer im eigentlichen Sinne existieren nicht mehr, schließlich besteht allgemeines Unternehmertum, wie in der vorletzten Kolumne erläutert. Deshalb gibt es auch keine Vorgesetzte mehr. Die Bewertung der Arbeit der Menschen kommt aus dem Netzwerk selbst in Form von Professional Scores, basierend auf objektiven, da automatisch erfassten Performanceindikatoren. Der erzielte Professional Score bestimmt den Marktpreis des Einzelnen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen bei dem Gedanken geht. Ich jedenfalls würde lieber heute als morgen so arbeiten. Digitalisierung ist hier der Enabler, aber nur, wenn wir endlich den Mut haben, Wirtschaft neu zu denken.

Quelle: factorynet.at
Warum wir immer dümmer wirtschaften

Der Taktgeber unserer Art des Wirtschaftens ist der Skaleneffekt. Er zwingt uns in großen Mengen zentral zu produzieren. Dabei hätten wir wesentlich mehr Lebensqualität durch dezentrale, digitale Wertschöpfung. Ein reines Gedankenexperiment? Wohl kaum.

Merkmal der Industrialisierung sind Fabriken - festgelegte Orte, an denen Menschen zu festgelegten Zeiten im Takt der Maschinen Wertschöpfung betreiben. Der Produzent erkennt die Wünsche seiner Kunden und wandelt diese in Produkte um - mittels Maschinen und Menschen, die nach seiner Vorgabe arbeiten. Der Taktgeber dieser Art des Wirtschaftens ist der Skaleneffekt, der uns lehrt, in großen Mengen zu produzieren und Zentralisierung erzwingt. Der begleitende Sound sind die immer längeren Wege zur Arbeit oder zum Ort, an dem man Produkte oder Dienstleistungen in Empfang nehmen kann. Menschen und Güter sind in Bewegung, wie noch nie.

Der tägliche Logistik-Irrsinn

Mitten drin: die Logistik, also das Aufbewahren und Transportieren von Gütern - in Fabriken als Verschwendung berüchtigt. Logistik macht bei uns bald 10 % des Bruttoinlandsproduktes aus. Mir widerstrebt es, dies Wirtschaftsleistung zu nennen, denn es ist nichts anderes als Ressourcenvernichtung und Ausdruck dummen Wirtschaftens. Tendenz steigend. Logistik wächst stärker, als die Wirtschaftsleistung. Wir wirtschaften also immer dümmer. Verlorene Zeit und Energie, bei gleichzeitigem Überangebot an Lärm, Feinstaub und Klimagasen sind die Zutaten unseres Wirtschaftens. Die Menschen zahlen mit sinkender Lebensqualität, verlorener Lebenszeit sowie mehr Erkrankungen. Und zur Belohnung für ihre Leidensfähigkeit dürfen sie die Rallye auch noch über Steuern finanzieren. Denn die Wirtschaft trägt die wahren Kosten dieses Irrsinns selbstverständlich nicht, wo kämen wir da hin...

Digitalisierte Verschwendung

Da werden Logistikzenten mit dem Zusatz „4.0“ eröffnet, in denen Behälter und Regale digital vernetzt sind und Transportdrohnen ihren Dienst leisten. Man feiert sich hierfür, statt peinlich berührt zu Boden zu schauen, da man noch immer nichts Intelligenteres gefunden hat, als die Güter des täglichen Bedarfs weit entfernt vom Bedarfsort zu produzieren und das auch noch viel zu früh. Die Verschwendung wird nicht eliminiert, sondern digitalisiert. Das Ganze nennt man dann übrigens Fortschritt. Der Ausbau von Verkehrswegen und die Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte wird nur Symptome kurieren. Gäbe es für all dies ein Navigationssystem, würde es sagen: „Nach Möglichkeit bitte wenden“.

Die Lösung liegt woanders

Der digital vernetzte Produzent der Zukunft produziert nicht mehr selbst, sondern befähigt seine Kunden dies zu tun. Digitalisierung shreddert den Skaleneffekt, treibt die Produktion aus den Fabriken und lässt sie dezentral stattfinden - im Handel, im Handwerk und in Haushalten. 3D-Druck ist eine der hier treibenden Technologien und FabLabs sind die Bühnen, auf denen dies heute schon geschieht.

Produktion und Konsum rücken räumlich zueinander. Immer mehr Arbeit kann unabhängig von Zeit und Ort geleistet werden und die Menschen sind mobil, weil sie dies so wollen, und nicht, weil sie es müssen. Dezentrale Wertschöpfung ist attraktiv, denn sie entlastet Städte und vermeidet die Verödung ländlicher Gebiete. Unser aller Lebensqualität steigt.

Eine saftige CO2-Steuer als Konjunkturprogramm

Dazu braucht es aber flankierende Maßnahmen. Mein Vorschlag: Der Güterverkehr erhält keine Subventionen mehr und trägt sogar seine wahren gesellschaftlichen Kosten, besonders die für seine Emissionen. Mit anderen Worten: eine saftige CO2-Steuer ist das beste Konjunkturprogramm für die Digitalisierung. Lassen Sie uns das Thema Digitalisierung ab jetzt aus diesem Blickwinkel betrachten. Von den wirklichen Bedürfnissen der Menschen her.

Quelle: factorynet.at
Die Opfer der Digitalisierung

Die Digitalisierung beendet die räumliche und zeitliche Begrenzung von Arbeit und verwischt den Unterschied zwischen intern und extern. Der Betrieb im klassischen Sinn wird dem Netzwerk weichen. Human Resource (HR) als stabilisierendes Element starrer Organisationen kann damit nicht umgehen und wird seine Existenzgrundlage verlieren. Und andere werden folgen.

Mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Erschrecken sehe ich, wie derzeit viele selbsternannte Digitalisierungsexperten auf einer imaginären Tribüne sitzen und den digitalen Wandel wie eine Sportveranstaltung beobachten. Manche schließen Wetten darauf ab, wer Sieger oder Verlierer sein wird oder machen Spielanalysen, die auf empirischen Daten beruhen. Andere wiederum rufen gute Vorschläge auf das Spielfeld oder bieten sich als Trainer an. Dabei haben sie nicht verstanden, dass sie selbst Teil des Spiels sind. Sie unterschätzen die Auswirkungen des digitalen Wandels massiv. Denn es geht nicht um die Digitalisierung des Bestehenden, sondern um seine fundamentale Umwälzung.

Human Ressource wird verlieren

Wie wäre es mit einer kleinen Aufzählung? Human Resource (HR) schreibt derzeit mit Begeisterung Qualifikationspläne, weil es glaubt, Dirigent des digitalen Wandels zu sein. Dabei ist es sein erstes Opfer. HR will wissen, wo und wann Arbeit stattfindet. Auch braucht HR die Unterscheidung zwischen eigenen Mitarbeitern und denen der anderen. Die Digitalisierung aber beendet die räumliche und zeitliche Begrenzung von Arbeit und verwischt den Unterschied zwischen intern und extern. Der Betrieb im klassischen Sinn wird dem Netzwerk weichen. HR als stabilisierendes Element starrer Organisationen kann damit nicht umgehen und verliert somit seine Existenzgrundlage.

Der obsolete Betriebsrat

Wo es keine Betriebe mehr gibt, gibt es natürlich auch keine Betriebsräte mehr. Die Digitalisierung bedeutet ihr Ende und damit das der Gewerkschaften, da ihre Art der Interessenvertretung von Arbeitnehmern auf der Präsenzkultur des 19. Jahrhunderts basiert. Nicht dass Interessensvertretung zukünftig überflüssig wäre, wer aber den hoffnungslosen Versuch unternimmt, die Realität so lange zu verbiegen, bis sie zum eigenen Vertretungsmodell passt, dessen Zeit ist nun einmal abgelaufen. Ach ja: Und wo es keine Betriebe mehr gibt, da gibt es natürlich auch keine Betriebswirtschaftslehre mehr. Seit langem schon liefern ihre Modelle keine brauchbaren Antworten mehr - nun macht die Digitalisierung die Modelle selbst obsolet.

Der obsolete Buchhalter

Und wenn Dank Blockchain digitale Zahlungsströme in Echtzeit erfasst und gespeichert werden braucht auch es niemanden mehr, der kontiert – also den Buchhalter. Auch niemanden mehr, der das Kontierte addiert, sprich: den Controller. Erst recht braucht es niemanden, der abschließend kontrolliert, ob richtig kontiert und addiert wurde, also den Wirtschaftsprüfer.

Der obsolete Verkäufer

Es braucht auch niemanden mehr, der kauft und verkauft, da Maschinen rechtsfähige Subjekte sein werden und eigenständig Verträge abschließen dürfen. Schlechte Zeiten also für Verkäufer, Einkäufer und Wirtschaftsjuristen. Ganz nebenbei: bei allgemein verfügbarem Wissen, das in recht naher Zukunft auch direkt in unsere Hirne übertragen wird, ist es auch kein Zukunftsmodell, sich in einen Hörsaal zu stellen und Dinge vorzulesen, die jemand anders vor Jahren aufgeschrieben hat. Alle diejenigen, deren Geschäftsmodelle auf Wissensvermittlung basieren, sollten alarmiert sein.

Mir scheint, dass dies alles noch nicht verstanden ist. Anders kann ich mir nicht erklären, dass selbsternannte Treiber der Digitalisierung nur mit der Verbesserung des Bestehenden argumentieren. Digitalisierung ist aber nicht der Booster für unsere Art des Wirtschaftens, sondern ihr Show Stopper. Die eigentliche Revolution hat noch gar nicht begonnen.

Quelle: factorynet.at
Roboter gehen nicht shoppen

Solange sich Unternehmer weigern, die Früchte des Produktivitätsgewinns mit ihren Mitarbeitern zu teilen, werden Schreckgespenster, wie Bedingungsloses Grundeinkommen oder gar Vergesellschaftung von Unternehmen vom muffigen Dachboden herabsteigen, um die Kaufkraft zu bewahren. Dabei gäbe es eigentlich viel bessere Ideen.

Na, gut: dann brauchen wir also keine Angst vor Jobverlust zu haben, da ja die verbleibende Arbeit auf all diejenigen verteilt wird, die arbeiten können und wollen. So steht es jedenfalls in der vorigen Kolumne. Aber heißt „weniger arbeiten“ nicht auch „weniger Geld“? Nicht unbedingt - wenn wir ein paar entscheidende Dinge ändern. Derzeit wird dem Mitarbeiter wider besseren Wissens eingeredet, dass die Digitalisierung zu seinem Nutzen sei - also jetzt nicht konkret, aber „irgendwie und irgendwann, ganz ehrlich und so“… Natürlich glaubt der Mitarbeiter davon kein Wort und hört die Botschaft des Roboters zu gut: „Eigentlich würde ich gerne deinen gesamten Job übernehmen, bin dafür aber noch zu teuer“. Mit Betonung auf: „Noch!“ Über dem Mitarbeiter hängt das Damoklesschwert der Ersetzbarkeit. Und das weiß er nur zu gut.

Solange sich also Unternehmer weigern, die Früchte des Produktivitätsgewinns mit ihren Mitarbeitern zu teilen, werden Gespenster, wie Bedingungsloses Grundeinkommen oder gar Vergesellschaftung von Unternehmen vom muffigen Dachboden herabsteigen, um einmal mehr Angst zu verbreiten und die Diskussion zu emotionalisieren.

Mitarbeiter am Produktivitätsgewinn teilhaben lassen

Mitarbeiter am Produktivitätsgewinn materiell teilhaben lassen? Warum sollten Unternehmer dies tun? Ganz einfach: weil sie keine andere Wahl haben. Sie brauchen Kaufkraft. Niemandem ist geholfen, wenn die Fabriken menschenleer sind und sich keiner mehr die autonom hergestellten Produkte leisten kann. Und bevor jetzt der Begriff „Wachstumsmarkt“ fällt: eben dieser wird ja durch die Kürzung der Lohnsumme ausgetrocknet. Der Roboter wird nach Feierabend nicht shoppen gehen – und nicht nur, weil er keinen Feierabend kennt. Deshalb gilt: Wenn wir Bedarfsgüter hochautomatisiert produzieren, dann muss der Mitarbeiter, der nur noch einen Bruchteil der Zeit arbeitet, trotzdem voll bezahlt werden. Den Produktivitätsgewinn müssen sich Unternehmer und Mitarbeiter in Zukunft fair teilen. Er darf nicht wie bisher nur der Kapitalseite gutgeschrieben werden. Dies ist in ihrem eigenen Interesse.

Robotersteuer ist keine Lösung

Eine Lohnerhöhung wäre aber phantasielos und die Aufforderung, Aktien zu kaufen zynisch. Zum einen arbeiten die wenigsten Menschen in börsennotierten Unternehmen, zum anderen hängt deren Aktienkurs von allen möglichen Dingen ab, am wenigsten aber von der Leistung der dort Beschäftigten. Auch ist die Besteuerung von unternehmerischer Initiative durch eine Robotersteuer ebenso wenig eine Lösung, wie das Ausbezahlen einer Stilllegungsprämie an die Digitalisierungsverlierer.

Mitarbeiter als Mit-Unternehmer

Gehen wir also einen beherzten Schritt nach vorn, ändern die Spielregeln und machen aus dem Mit-Arbeiter den Mit-Unternehmer. Plakativ gesprochen: würde der Roboter dem Mitarbeiter (mit)gehören, dann wäre der vom Roboter erzielte Produktivitätsgewinn nicht mehr eine Gefahr für die materielle Existenz des Mitarbeiters, sondern ein Beitrag für dessen Wohlstand. Mehr noch: der Mit-Unternehmer hätte ein sehr großes, weil eigenes Interesse, die Produktivität und damit seinen Wohlstand noch weiter zu steigern. Und bei der Auszahlung der Produktivitätsrendite könnte er zwischen zwei Währungen wählen: Zeit oder Geld. Alle würden profitieren.

Dies alles kann eine positive Folge der Digitalisierung sein – wenn wir sie nur richtig angehen. Es ist Zeit, nicht nur über Technologie zu reden, sondern über eine bessere Art des Wirtschaftens - ohne Angst und ohne Vorurteile. Finden Sie nicht auch?

Quelle: factorynet.at
Digitalisierung frisst die Arbeit auf - und das ist gut so.

Digitalisierung soll bitte keine zusätzliche Arbeit schaffen - das Gegenteil. Nur wer dies ausspricht, erntet in der Regel heftigen Widerspruch, der leider nur auf Ideologie und Angst basiert.

Damit eines klar ist: Digitalisierung - wie jede Art von Rationalisierung - lässt Arbeit weniger werden. Das soll sie ja auch. Und nein, Digitalisierung schafft keine zusätzliche Arbeit. Die entsteht nur dort, wo das Wachstum größer ist, als der Rationalisierungsgewinn.

Angst frisst den Verstand

Wer dies ausspricht, erntet in der Regel heftigen Widerspruch. Dieser basiert aber weniger auf Fakten, sondern auf Ideologie und Angst. Die damit verbundenen Denkblockaden und Abwehrreaktion sind so heftig, dass man keine Geduld hat, diesen Menschen zu Ende zuzuhören. Stattdessen werden sie wahlweise als Botschafter des Untergangs oder als rückwärtsgewandte Technikfeinde diskreditiert. Das ist schade, denn so versäumen die Kritiker die Erkenntnis, dass das Reduzieren von Arbeit, - genauer gesagt: von Erwerbsarbeit - das Beste ist, was uns passieren kann. Ist es nicht absurd? Diejenigen, die erklären, dass Arbeit weniger wird, sind Pessimisten und Fortschrittsbremsen. Diejenigen aber, die versprechen, dass Digitalisierung Arbeit schafft, werden gefeiert. Wohlgemerkt: in einer Zeit des Arbeitskräftemangels. Mehr Arbeit - ist das nicht das letzte, was wir brauchen? Mit anderen Worten: Das Versprechen, Digitalisierung schaffe Arbeit, ist in Wirklichkeit eine Drohung.

Die Angst vor geringeren Steuereinnahmen

Woher kommt diese Angst vor dem Verlust von Arbeit? Zum einen ist es die Angst vor geringeren Steuereinnahmen und Sozialbeiträgen. So basiert über die Hälfte der Steuereinnahmen auf der Besteuerung von Arbeit. Wer also ankündigt, dass Arbeit weniger wird, kann nicht des Finanzministers Freund sein. Zum anderen ist da die Angst, dass der Mensch mit der gewonnenen Zeit nichts Vernünftiges anfangen könne oder gar auf dumme Gedanken käme und deshalb beschäftigt werden müsse. Mein Menschenbild ist dies nicht. Vielmehr nehme ich eine große Bereitschaft wahr, sich wieder der Familie zuzuwenden, sich für die Allgemeinheit zu engagieren oder Kreatives zu tun.

Das neue Verständnis von Arbeit

Und nun? Verschaffen wir also den Menschen die hierfür nötige Zeit. Und wenn die Digitalisierung in diesem Sinne zu unser aller Wohl beitragen soll, dann braucht es diese drei Leitplanken. Statt den Produktivitätsfortschritt für Wachstum von Umsatz und Gewinn zu verwenden, wandeln wir ihn in Zeit um und verteilen die weniger gewordene Arbeit auf alle Arbeitswilligen – selbstverständlich bei gleichen Bezügen, denn die Früchte der Digitalisierung gehören nicht den Unternehmen allein. Wir schaffen ein neues Steuersystem, das nicht länger Arbeit oder Unternehmensgewinne - also den wirtschaftlichen Erfolg - besteuert, sondern den hierfür getätigten Verzehr an natürlichen Ressourcen und die Inanspruchnahme von Infrastruktur. Wir entwickeln ein neues Verständnis von Arbeit, bei dem Privates, Soziales, Ehrenamtliches und Künstlerisches den gleichen Stellenwert hat, wie die klassische Erwerbsarbeit. Denn Leistungsträger sind wir alle.

Was für eine große Chance: Wir hätten Zeit, unsere Persönlichkeiten weiterzuentwickeln oder uns in unseren Gemeinwesen zu engagieren. Auch wäre dies das Ende des größten Outsourcingprojektes der Menschheitsgeschichte: das Auslagern des Sich-Kümmerns um Familienangehörige an Unternehmen der Sozialindustrie. Natürlich wären wir weiterhin eine Industriegesellschaft, aber was für eine! Frei vom Zwang, arbeiten zu müssen, wären wir wieder bei uns. Die Welt wäre eine bessere. Mir gefällt diese Vorstellung - und Ihnen?

Quelle: factorynet.at

Hamsterrad 4.0

Hamsterrad 4.0

Der Öffentlichkeit werden mit Steuergeldern subventionierte, medial spektakulär inszenierte Leuchtturmprojekte präsentiert, deren Strahlkraft nicht über die Grenzen der Werkshalle hinaus geht. Industrie 4.0 als Ticket für die Reise in das Land des rasenden Stillstands.

Industrie 4.0: Das digitale Kind des Maschinenbaus ist noch immer nicht erwachsen, bleibt in seinem Kinderzimmer und liegt seinen Eltern weiterhin auf der Tasche. Klar, dass die sich das ganz anders vorgestellt haben. Und, um nach außen nicht zugeben zu müssen, dass der Aufwand für dessen Erziehung in krassem Missverhältnis zu dem steht, was der Kleine wirklich kann, werden bereits geringste Fortschritte groß gefeiert.

Medial inszenierte Leuchtturmprojekte

So werden der Öffentlichkeit mit Steuergeldern subventionierte, medial spektakulär inszenierte Leuchtturmprojekte präsentiert, deren Strahlkraft in der Regel nicht über die Grenzen der Werkhalle hinaus geht - genau wie die Phantasie ihrer Schöpfer. Was war nochmals das Erziehungsziel? Ach ja, Effizienzgewinne. Diese bleiben aber hinter den - von wem eigentlich formulierten? - Erwartungen zurück. Stört aber kaum jemanden, kann man doch überall sagen: wir sind dabei!

Die Richtung stimmt nicht

Und was ist mit den neuen Geschäftsmodellen, von denen immer mal wieder die Rede ist? Es sind nichts anderes als Effizienzversprechen an den Kunden des Maschinenbauers: Bessere Anlagennutzung, Predictive Maintenance und diese ganzen Dinge. „It´s efficiency, stupid!“ War es das, etwa? Ich hoffe, schon – denn die Richtung stimmt nicht. Immer schneller, immer höher, immer weiter – und von allem immer mehr. Und das in einer Zeit, in der eine wachsende Zahl von Menschen dabei ein mulmiges Gefühl hat und sich fragt, ob diese Art des Wirtschaftens noch zukunftsweisend ist und ob Digitalisierung tatsächlich nichts anderes ist, als der Turbolader für das Hamsterrad.

Industrie 4.0: das Ticket für die Reise in das Land des rasenden Stillstands

Visionen? Ach, woher! Denn auch die Phantasie zu vieler Unternehmer - die diese Reise ja mitfinanzieren - ist arg limitiert. Sie geht nicht über die Grenzen des eigenen Auftragsbuchs hinaus und äußert sich lediglich in der Versicherung, für das Digitale gut aufgestellt zu sein und in der Formulierung von mittelfristigen Umsatzzielen. Au, weia!

Wenig Schmeichelhaftes

War es das, etwa? Ich hoffe, nein. Denn, wenn wir einmal den Kopf heben und uns die Sache von oben ansehen, erblicken wir für uns wenig Schmeichelhaftes:

  • Während Industrie 4.0 an Datenschnittstellen tüftelt, entwickelt man an anderen Orten der Welt Plattformen für eine neue Art des Wirtschaftens.
  • Während Industrie 4.0 die Digitalisierung technisch verstehen möchte, will man dort verstehen, wie damit Geld zu verdienen ist.
  • Während Industrie 4.0 Datenmodelle entwirft, entwerfen andere neue Geschäftsmodelle.
Der hiesige Produzent betreibt fabrikfixierte Nabelschau und tüftelt im Kinderzimmer mit Hingabe an technischen Details – während draußen gerade das Spiel geändert wird. Seine Perspektive: er wird zerrieben zwischen Betreibern von Industrieplattformen und Billigproduzenten - als Air BnB der Wertschöpfung. Kann man buchen, muss man aber nicht.

Weg vom Bediener smarter Maschinen

Ja, das Spiel namens Industrie wird derzeit neu definiert. Und da reicht es einfach nicht aus, am Spielfeldrand zu stehen und die Bälle aufzupumpen. Ob dieses neue Spiel den Menschen nützt, ist zu bezweifeln. Denn bisher ist dieser nur Mittel zum Zweck – die Protagonisten der Digitalisierung weisen ihnen entweder die Rolle als Umsatzspender oder als Bediener smarter Maschinen zu. Und genau das ist unsere Chance. Wir sollten endlich anfangen, die Digitalisierung von der Gesellschaft her zu entwickeln. Können wir das? Ich denke ja. Sind Sie dabei? Ich hoffe es.

Quelle: factorynet.at
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