Notizen aus der Produktion

Prof. Dr. Andreas Syska
Faszination Produktion

Hype, hype, hurra!

Vielleicht fragen Sie sich seit einiger Zeit besorgt, ob Industrie 4.0 vielleicht doch nur so etwas wie ein Hype ist. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle aus tiefster Überzeugung folgendes sagen: Natürlich ist es das! Was soll es denn sonst sein?

Wenn die Erwartungen in höchste Höhen geschraubt werden, dann nennt man dies einen Hype.
Wenn die mediale Aufmerksamkeit kein anderes Thema mehr zu kennen scheint, dann nennt man dies einen Hype.
Wenn Trittbrettfahrer erscheinen und alten Wein in neuen Industrie 4.0-Schläuchen anbieten, dann nennt man dies – Sie ahnen es - einen Hype.

Nun ist ein Hype an sich nichts Schlimmes. Man muss halt nur wissen, was passiert. Dann kann man sich auch darauf einstellen.

Betrachtet man das Wort „Hype“ entsprechend seiner Bedeutung im deutschsprachigen Raum, gibt uns der Duden folgende Erläuterung: Ein Hype sei eine „besonders spektakuläre, mitreißende Werbung – die eine euphorische Begeisterung für ein Produkt bewirkt.“

Es scheint leicht nachzuvollziehen, dass euphorische Begeisterung in diesem Zusammenhang ein wohl temporäres Phänomen darstellt. Ebenso wie sie gekommen ist, vergeht sie wieder, oder kann neu aufflammen. Eng an sie geknüpft sind Erwartungshaltungen.

Ein jeder von uns kennt beide Elemente getrennt, wie auch in ihrem Zusammenspiel. Täglich werden wir – auch abseits von Industrie 4.0 – mit sogenannten Hypes konfrontiert. Lassen Sie uns die typischen Charakteristika eines Solchen vergegenwärtigen.

Hilfreich für das Verständnis dabei ist, einen Hype nicht als etwas Nebulöses, wenig Greifbares zu betrachten, sondern ihn in Phasen zu unterteilen. So geschehen durch die Erfinderin des sogenannten Hype-Cycle, Jackie Fenn, welche bereits vor über zwanzig Jahren Muster erkannte und den Begriff „Hype“ damit deutlich plastischer machte. Im Jahr 1995 überführte Frau Fenn ihre Beobachtungen in ein zweidimensionales Modell.

Die Innovation hat ein Muster
Frau Fenn, ist heute Vice President bei Gartner, einem US-amerikanischen Anbieter für Marktforschungsergebnisse und Analysen. Aufkommende Technologien, so erkannte sie, verhalten sich regelmäßig nach einem gleichen Muster.

Alles beginnt mit einem technologischen Auslöser (Innovation Trigger). Beispielhaft zeigt ein Durchbruch in der Nanotechnologie deutliche Fortschritte bei der Oberflächenbeschichtung auf. Das Fachpublikum ist interessiert und erste Trittbrettfahrer überlegen sich, wie sie das Thema nutzen können.

Es beginnt die Reise zum Gipfel der überzogenen Erwartungen (Peak of inflated expectations). Unerfahren im Umgang mit der neuartigen Technologie – ihren Fähigkeiten sowie ihren Grenzen – wird diese im verbalen Wettrüsten mit überzogenen Erwartungen aufgeladen.

Was nun folgt, ist der Fall hinab, in das Tal der Enttäuschungen (Trough of disillusionment). Erste Erfahrungsberichte und Resultate zeigen, dass man den Bogen überspannt hat. Ernüchterung stellt sich ein, die mediale Aufmerksamkeit lässt spürbar nach.

Erholung erfährt die Technologie auf dem Pfad der Erleuchtung (Slope of enlightment). An dieser Stelle haben die Beteiligten nach dem Flug in schwindelerregenden Höhen nunmehr wieder Bodenkontakt. Man betrachtet die Chancen und Potenziale der neuen Errungenschaft realistischer, und spricht offen über Grenzen.

Auf diese Weise vorbereitet und im letzten Schritt unseres Hype-Cycle arbeitet sich die Technologie auf das Plateau der Produktivität (Plateau of productivity) hinauf.

Wenn man um dieses zyklische Verhalten eines Hypes weiß, ergibt sich die Möglichkeit, eine in uns eingebaute Filterlogik bewusst zu umgehen. Vermeiden sollten wir dabei, die Aufmerksamkeit lediglich auf solche Dinge zu richten, welche sich zum Gipfel der überzogenen Erwartungen aufmachen, oder aber das Plateau der Produktivität erreicht haben.

In einer Welt des Information Overflow stellt dies normalerweise einen effektiven Schutzmechanismus unseres limitierten Denkvermögens dar. Wie durch eine Lesebrille betrachten wir lediglich den Teil der Realität der zumeist unmittelbar vor uns liegt. Das maßgebliche Problem ist jedoch, dass es aus unternehmerischer Sicht zur Kunst gehören muss, durch eine Gleitsichtbrille zu schauen. Diese stellt nicht nur Nahes, sondern auch Fernes scharf und ermöglicht das unternehmerische Handeln entsprechend aller Facetten des Hype-Cycle auszurichten.

Woran Sie erkennen, dass ein Unternehmer den Brillenwechsel nicht beherrscht? Es sind genau die Unternehmen, welche entweder zu früh – oder schlichtweg zu spät – auf technologische Hypes reagieren und hier viel Lehrgeld zahlen.

Wäre es nicht gut, sich sowohl den Gipfel der überzogenen Erwartungen, als auch das Tal der Enttäuschung zu ersparen? Quasi eine Abkürzung zu bauen und direkt auf das Plateau der Produktivität zu kommen? Noch wäre die Gelegenheit dazu gut. Dazu müssen wir uns aber unvoreingenommen und ideologiefrei anschauen, wo Industrie 4.0 danebenliegt. Dies wird nicht einfach zu ertragen sein und ist für manch einen Fan von Industrie 4.0 so eine Art Wurzelbehandlung – es muss aber sein.

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