Notizen aus der Produktion

Prof. Dr. Andreas Syska
Faszination Produktion

Manifest für die vernetzte Wertschöpfung

Industrie 4.0 arbeitet hierzulande an den falschen Themen. Es findet eine fabrikfixierte
Nabelschau statt, mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung der
Produktionprozesse.

 

Von den Protagonisten versprochene Nutzenaspekte machen sich an
Fabrikperformance fest - in der Regel ist von Produktivität die Rede. Geht es aber nur
darum, lässt sich dies einfacher und mit weniger Investitionsrisiko erzielen. Vom Risiko
in der Welt der Vernetzung sein Know-how zu verlieren ganz zu schweigen.

Wie bei jeder großen Veränderung braucht auch Industrie 4.0 eine Vision und eine
Antwort auf die Frage nach dem "Warum?". Auf beides warten wir seit fünf Jahren
vergebens. Stattdessen hören wir die pauschale Aussage, dass dies nun einmal die nicht
aufzuhaltende Zukunft sei.

Man fügt noch eine Prise Angst hinzu und behauptet, dass unweigerlich derjenige ins
Hintertreffen gerät, der hier nicht mitmacht.

Zukunft braucht eine Vision

Unbestritten: die Vernetzung von technischen Systemen wird eine Revolution zur Folge
haben. Industrie 4.0 - wie sie heute in der Mehrheit verstanden und gelebt wird - leistet
hierzu aber keinen Beitrag. Was für ein mächtiges Instrument haben die Protagonisten
da in den Händen - und wie kleinmustrig sind die Überlegungen, was man damit
machen kann.

Zukunft braucht eine Vision. Solange Industrie 4.0 aber keine Vision hat, wird sie
scheitern. Damit es deutlich wird: Performanceverbesserung ist keine Vision.
Vernetzung um des Vernetzens willen erst recht nicht. Der Denkhorizont vieler
Fürsprecher von Industrie 4.0 endet leider bereits am Werkstor Unbestritten ist,
dass Inhalte von Industrie 4.0 Einzug in die Fabriken finden.

Sie wird mit einigen ausgewählten Lösungen Teilbereiche der Fabrik prägen - dort, wo sie
nützlich sind. Damit bleibt Industrie 4.0 aber deutlich hinter den Möglichkeiten zurück.

Es ist das Denken in tradierten Geschäftsmodellen, dass die deutsche Industrie daran
hindert, etwas fundamental Neues aufzubauen. Industrie 4.0 kommt nicht über die
fabrikfixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung
hinaus.

Industrie 4.0 kommt als Selbstzweck daher

Gepaart mit Risikoscheu und der Erwartung von Erfolgsgarantien ist dies ist nicht der
Humus für neue Geschäftsmodelle. Wir sind eine exportstarke Industrienation - dies ist
Basis unseres Denkens. Bis auf wenige Zeiträume in den letzten 70 Jahren waren wir
erfolgreich in den "alten" Modellen. Ob diese Modelle aber noch tragen, darf bezweifelt
werden.

Noch könnte man gegensteuern. Dazu muss sich Industrie 4.0 aber vom
technologischen Selbstzweck hin zu etwas entwickeln, was vom Menschen und vom
Markt her gedacht wird. Es muss befreit werden von Dogmen, Angst und blindem
Technikglauben. Jedoch: es fehlt der heimischen Industrie die Bereitschaft, das eigene
Geschäftsmodell nicht linear fortzuschreiben, sondern es zu zerstören und dafür etwas
völlig Neues zu schaffen. Es ist die Phantasiearmut der deutschen Industrie, die hier
Sorge macht.

Industrie 4.0 sieht sich in der Tradition der ersten drei technischen Revolutionen der
Produktion. Die einseitige Fixierung auf Technik ist ihr Wesenselement. Industrie 4.0
kommt als Selbstzweck daher.

Dabei wird der Mensch als etwas Defizitäres verstanden, das es an die vernetzte Fabrik
anzupassen gilt. Unterstützende Systeme, wie kollaborative Roboter oder sich
automatisch auf den Mitarbeiter einzustellende Arbeitsplätze sind allenfalls
Abfallprodukte, nie aber der eigentliche Zweck von Industrie 4.0.

Industrie 4.0 setzt die falschen Akzente

Die Nutzenaspekte, insbesondere in Bezug auf Performanceverbesserung oder
Marktwachstum halten einer näheren Überprüfung selten Stand. Auch wirken
Äußerungen über die Chancen für die Mitarbeiter wenig durchdacht und eher
nachgeschoben.

Sie sind nicht so sehr das nachvollziehbar ableitbare und zwingend eintretende Ergebnis
einer technischen Entwicklung, sondern eher Ausdruck einer Hoffnung derer, die als
Fabrikausrüster oder Dienstleister hier ihr Geschäft sehen.

Darüber hinaus besteht die Gefahr, bereits Errungenes - wie die Teilhabe der
Produktionsmitarbeiter an systemgestaltenden Aktivitäten, zum Beispiel im Rahmen der
kontinuierlichen Verbesserung - wieder zu verlieren. Industrie 4.0 bietet hier nichts an.

Im Gegenteil: die Zweiteilung in Denkende und Ausführende erlebt eine Wiedergeburt,
beziehungsweise wird zementiert. Technische Lösungen zur Digitalisierung des Mangels
erscheinen wichtiger, als dessen Beseitigung. Industrie 4.0 setzt die falschen Akzente.

Spiel mit dem Feuer

Industrie 4.0 ist fabrikzentriert und greift deshalb zu kurz. Statt einer horizontalen
Marktsicht findet sich die vertikale Sicht auf die technischen Prozesse, die in der Regel
am Werkstor endet. Industrie 4.0 wird hierzulande als ein Instrument zur Optimierung
von Fabriken gesehen und setzt auf Performanceverbesserung.

Das ist gut, wenn über den Preis verkauft wird. Tut es aber nicht. Deutschland verkauft
nicht über den Preis, sondern über Technik, Individualität und Schnelligkeit der
Lieferung. Industrie 4.0 wird aber nicht als Chance begriffen, neue Geschäftsmodelle
oder gar Branchen zu erzeugen.

Industrie 4.0 ist aufgrund existenzgefährdender Risiken der Datenhaltung ein Spiel mit
dem Feuer. Der drohende Verlust von Produkt- und Produktionswissen gefährdet die
Schlüsselbranchen in Deutschland und damit den materiellen Wohlstand.

Industrie 4.0 ist angstgetrieben und erlebt quasi-religiöse Überhöhung. Gleichzeitig
findet eine Verwässerung der Inhalte statt. Industrie 4.0 wird nicht einheitlich
verstanden, sondern ist Projektionsfläche für alles Mögliche. Die Heilsversprechungen
werden in die Höhe geschraubt und sind oftmals überzogen. Dass dies zu Skepsis bei
potentiellen Anwendern führt, darf nun wirklich nicht überraschen.

Produktion verliert das Monopol über die Wertschöpfung

Industrie 4.0 wird mit Fabrik der Zukunft gleichgesetzt. Das greift zu kurz und ist grob
fahrlässig. Damit lenkt Industrie 4.0 von anderen wichtigen Themen ab und verschafft
die trügerische Gewissheit, dass mit der Implementierung von Technik alles Notwendige
für die Zukunft getan ist.

Lassen wir es deshalb also sein? Auf gar keinen Fall!

Denn während in den Fabriken hierzulande an technischen Detaillösungen getüftelt
wird, passieren außerhalb dramatische Dinge:

Plattformen und Open Source für Hardware markieren im Kontext der Produktion den
Übergang zu einer Netzwerkökonomie. Dabei erscheinen neue Mitspieler am Markt. Sie
verfügen über keine eigene Infrastruktur. Vielmehr greifen auf die von ihren Nutzern
bereitgestellte Infrastruktur zurück und orchestrieren sie sehr geschickt mit
den technischen Mitteln des Netzes.

Darüber hinaus verliert die Produktion das Monopol über die Wertschöpfung. Mit
zunehmender Vernetzung breitet sich das Wissen über Produkte und
Produktionsverfahren aus. Ob dies mit oder ohne Cloud erfolgt, beeinflusst höchstens
die Geschwindigkeit, in der dies passiert, nicht aber die Tatsache als solche.

Gravierende Umwälzungen

Wertschöpfung wandert aus den Fabriken zum Kunden. Die hierfür notwendige
Technologie ist für jedermann verfügbar. Tech Shops und 3D-Druck versetzen immer
mehr Menschen in die Lage, den Produktionsprozess selber durchzuführen - in der
gleichen Qualität, wie dies heute noch in Fabriken geschieht.

Darüber hinaus ist Kapital heutzutage leicht erhältlich. Es sucht intensiv nach
Anlagemöglichkeiten und ist webbasiert über diverse Fundingplattformen abrufbar.

Netzwerkökonomie und Verlust des Wertschöpfungsmonopols: All dies wird zu
gravierenden Umwälzungen führen. Die Antwort hierauf kann aber nicht in der von
den Protagonisten von Industrie 4.0 propagierten Performanceverbesserung der
Fabriken liegen - von Fabriken, die vielleicht gar nicht mehr benötigt werden.

Was wir wirklich brauchen: Manifest für die vernetzte Wertschöpfung

Wenn das Thema der Vernetzung des Digitalen ein Erfolg werden soll, dann ist eine
Abkehr von bisherigen Sichtweisen, Einstellungen und Handlungen notwendig. Die im
Folgenden beschriebenen Forderungen sollen diese Abkehr mit
Handlungsempfehlungen untermauern.

1. Neue Begriffe - anspruchsvolle Inhalte

Ob der Begriff "Industrie 4.0" verbraucht ist oder nicht - er trifft nicht den Kern der
Botschaft. Er reduziert das Thema unzulässiger Weise auf die Fabrik. Wir brauchen
eine neue Bezeichnung für das, was zu tun ist. In diesem Zusammenhang braucht es
nicht nur Klarheit sondern auch anspruchsvolle Begriffsstandards.

Denn nicht alles ist disruptiv oder revolutionär. Mit erhöhtem Anspruch an die
technischen Lösungen wird der Banalisierung und Verwässerung Einhalt geboten, die
die Gefahr in sich trägt, zu glauben, man sei fertig, obwohl man doch gerade erst
begonnen hat. Auch muss die Sprache des Mittelstands gesprochen werden, statt die
Sprache der Forschung, der Verbände und der Politik.

2. Freiheit von Angst und Dogmen

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Deshalb ist ein kühler Kopf und eine nüchterne Sicht
auf die Dinge zwingend geboten. Nicht alles ergibt einen Sinn. Eine eigene konstruktiv-
kritische Meinung zu diesem Thema ist notwendig - anstelle von Dogmen, und
unreflektiertem Nachbeten des Gehörten.

3. Perspektivwechsel

Die Diskussion um die vernetzte Wirtschaft muss aus dem kleinen Karo der Fabrik
heraus. Das Thema darf nicht länger einseitig aus der Perspektive der Technologie und
der Fabrik diskutiert werden. Das alleine ist noch nicht sinnstiftend. Man würde damit
die Fehler von CIM und von Lean Production wiederholen, indem man Lösungen
einführt, ohne das zugehörige Problem zu kennen und ohne Vision einer Produktion
von morgen.

Die derzeit diskutierten Methoden und Lösungen basieren ausschließlich auf alten
Geschäftsmodellen. Auch deswegen muss Industrie 4.0 aus der Technikecke
herauskommen und das Thema vom Markt her denken. Es geht darum, sein eigenes
Geschäftsmodell unsentimental zu zerstören und etwas Neues aufzubauen.

4. Einbinden in die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts

Ford war bereits vor mehr als einhundert Jahren weiter, als die Protagonisten von
Industrie 4.0 heute - er wusste nämlich, warum er es tat. Er hatte eine Vision und
machte sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit zu Nutze. Gleiches gilt für
Toyota.

Die beiden von Ford und von Toyota ausgelösten geistigen Revolutionen entstanden in
einem dazugehörigen Kontext und haben die Technik nicht als Selbstzweck verstanden,
sondern gezielt für sich genutzt. Über allem stand eine Vision, eine Idee.

Beiden ist gemein, dass es ihnen nicht nur um bloße Performanceverbesserung, sondern
um Märkte und Menschen ging. Genau diese Vision benötigen wir heute, sonst bleibt
die Vernetzung des Digitalen genau der Selbstzweck, den Ford und Toyota ausdrücklich
nicht betrieben haben, und damit äußerst erfolgreich waren.

Das Verhältnis von Kunden, Produzenten und Lieferanten wird derzeit neu verhandelt.
Der Stellenwert von Produkten und die Rolle der Fabriken stehen zur Disposition. Auf
all dies sind Antworten zu liefern, die über die Vernetzung von Maschinen und
Werkstücken weit hinausgehen.

Die Produktion verliert die Hoheit nicht nur über die Wertschöpfung, sondern auch
über die Produktentwicklung. Beides wird auch in die Städte wandern, wo sich
Kreativität konzentriert. Kleinere Einheiten, MicroFabs oder gar Maker-Werkstätten mit
freiem Zugriff auf Produktionsmittel für jedermann bestimmen das Bild.

Die nächste Revolution hat erst dann diese Bezeichnung verdient, wenn sie
ihren Nutzen für den Menschen nachweist. Sie sollte aus dem disponiblen und im Zweifel
entbehrlichen Produktionsfaktor Mensch den eigentlichen Zweck der industriellen
Produktion machen. Der Wertschöpfungsprozess - ganz gleich ob dieser in Fabriken
oder außerhalb stattfindet - ist als Katalysator zu begreifen für die Weiterentwicklung
der Persönlichkeit des Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt.

5. Den Wandel gestalten

Der Erfolg dieses Wandels hängt nicht von der Anzahl der Arbeitsgruppen, Exzellenz-
Clustern und Initiativen ab, sondern von dem richtigen Denkansatz. Und wenn dieser
nun einmal falsch ist, was man für Deutschland bislang noch annehmen darf, dann
können im Wochentakt neue Gremien geschaffen werden - dem Ziel kommt man damit
nicht näher.

Hinzukommt, dass die geforderten völlig neuen Geschäftsmodelle nicht in einer
Umgebung entstehen können, wie sie in vielen deutschen Unternehmen vorherrscht.
Einer Umgebung, die geprägt ist durch starre Strukturen und ausgeprägte Hierarchien.

Einer Umgebung, in der Erfolg erste Managerpflicht ist, in der Scheitern verboten ist,
und mit Karriereende bestraft wird. Einer Umgebung, in der von außen aufgenötigte
Renditeversprechungen zu allgemeiner Risikoscheu führen.

Wer in einer solchen Umgebung eine entsprechende Arbeitsgruppe einrichtet hat schon
verloren, denn sie agiert im Umfeld von Projektzielen und -budgets, eingepfercht in
Meilensteinmeetings und kritisch observiert von Review Boards. Dieses Thema gedeiht
ausschließlich auf der grünen Wiese und sein Dünger ist die Anarchie - nur so entsteht
wirklich Revolutionäres.

Doch wie auch immer wir dieses Kind der Revolution nennen - wir dürfen es nicht
gleichsetzen mit der Fabrik der Zukunft. Die Fabrik der Zukunft ist weit mehr als
Technik. Sie muss flüchtig und lernfähig sein und hat eine völlig andere
Aufbauorganisation, wenn überhaupt.

Sie muss ein offenes System sein, deren Mitarbeiter und Partner in temporären
Netzwerken tätig sind. Vor dem Hintergrund des Arbeitens bis weit in das achte
Lebensjahrzehnt hinein wird es ein neues Verständnis von Karriere geben müssen.

Dazu passt, dass angesichts überall verfügbarer Informationen Fachkompetenz in der
Fabrik der Zukunft kein Differenzierungsmerkmal mehr sein wird. Selbstverständlich
muss es auch neue Arten des Denkens und des Lernens geben.

Und ganz nebenbei: Die Betriebswirtschaftslehre, wie wir sie kennen hat
abgewirtschaftet und ist neu zu erfinden. Das alles sind gewaltige Dinge, die aber nicht
von alleine geschehen - sie müssen erarbeitet werden. Von daher wäre es ein grober
Fehler, sich mit nichts anderem zu beschäftigen, als der Vernetzung digitaler Objekte.
Dies ist ein einzelner, wenn auch wichtiger Baustein der Fabrik der Zukunft - mehr aber
auch nicht.

Ja, die Vernetzung des Digitalen wird die Welt verändern. Deshalb hat dieses Thema
endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom Markt her zu
denken. Wir haben die einmalige Chance, uns die Frage zu stellen, wie wir zukünftig
wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse
ziehen.

Letzte Änderung am Freitag, 20 Januar 2017 10:48

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